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Empfehlungen sind deskriptive Aussagen

Kurz: Empfehlungen erscheinen wie eine milde Unterart der Gebote, aber das sind sie nicht. Sie beziehen sich auf Ziele, sie sind rein deskriptiv, und sie sind nachprüfbar.

Es ist eine bekannte Tatsache, dass Gebote einen speziellen Charakter haben; etwa das Gebot "Ehre die Götter". Man nennt solche Aussagen präskriptiv. Sie können nicht überprüft werden, denn es lässt sich zwar beobachten, wie ein Mensch handelt und welche Wirkung eine bestimmte Handlung hat, aber nicht, wie gehandelt werden sollte. Auch die Wissenschaft kann eine wirklich präskriptive Aussage nicht untersuchen oder als Erkenntnis hervorbringen. Wenn ein unbedingtes Gebot begründet wird, ist die Begründung immer metaphysisch.

Nun gibt es neben Geboten eine verwandt erscheinende Klasse von Aussagen, nämlich Empfehlungen. Viele Empfehlungen sind so formuliert, dass sie wie die Light-Version eines Gebotes wirken, bei der nur das strenge "sollst" gegen das mildere "solltest" ausgetauscht wurde. Diese scheinbare Verwandtschaft kann dazu veranlassen, Empfehlungen ähnlich Geboten zu bewerten; zu glauben, sie seien wie diese präskriptiv, eine Überprüfung sei unmöglich, und die Wissenschaft müsse sich solcher Aussagen unbedingt enthalten.

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M. Malchev

Ich werde darlegen, dass diese Einschätzung falsch ist - zumindest in Bezug auf das, was im Alltag unter einer Empfehlung verstanden wird. Empfehlungen sind deskriptive Aussagen ohne jeden Anflug von Metaphysik. Es ist nur ihre typischerweise pragmatisch knappe Formulierung, die diese Tatsache vernebelt und eine Nähe zum Gebot suggeriert.

Der wahre Charakter einer Empfehlung ist nicht erkennbar aus den allereinfachsten Fällen, in denen eine knapp formulierte Empfehlung einfach angenommen oder einfach ignoriert wird, genau wie ein Gebot eben befolgt wird oder nicht. Solche Situationen werfen zu wenig Information ab, um verschiedene denkbare Gegebenheiten unterscheiden zu können. Sobald sich aber etwas Komplexität, vielleicht in Form von Interaktion, um die Empfehlung herum ansammelt, wird schnell deutlich, was es mit einer Empfehlung tatsächlich auf sich hat.

Zur Demonstration ein hypothetisches, aber alltagstypisches Beispiel. Ein Baumarkt-Kunde (Person A) nimmt Werkzeug aus dem Regal und legt es in seinen Einkaufskorb. Ein zweiter Kunde (Person B) beobachtet ihn dabei, und es kommt zu folgendem Wortwechsel:

  • B: "Sie sollten nicht das billigste nehmen. Legen Sie lieber ein paar Euro drauf."
  • A: "Es ist für einen Schaukasten."
  • B: "Ach so."

Die Empfehlung von B ist im Stil eines Gebotes gehalten und interessiert sich scheinbar für keinerlei Bedingungen, etwa die verfolgten Absichten. Mit dieser Unterstellung wäre die Reaktion von A ein willkürlicher Themenwechsel, aber es ist klar, dass sie das nicht ist. Die Reaktion bezieht sich auf nichts anderes als auf die Empfehlung. Sie ergibt nur Sinn, wenn der Empfehlung eine komplexere Struktur zugestanden wird, als am Wortlaut erkennbar ist. Endgültig klar wird die Sache durch das abschließende "Ach so". Nach besserer Kenntnis der Ziele von A zieht B seine Empfehlung zurück. Das zeigt erstens, dass sie keineswegs metaphysisch begründet ist, denn dann wäre sie unveränderlich. Zweitens zeigt es, dass eine Empfehlung, auch wenn es ihrer Formulierung nicht anzusehen ist, von den Zielen desjenigen abhängt, dem sie gegeben wird.

Ein "Du solltest..." ist nichts anderes als die Kurzfassung von "Besser als mit den Methoden, die Du praktizierst oder zu praktizieren vorsiehst, lassen sich die Ziele, die Du verfolgst, erreichen, indem Du...". Aussagen dieser Art sind deskriptiv und prinzipiell überprüfbar; in vielen Fällen ist das sogar relativ leicht.

Besonders dringende Empfehlungen können formal noch näher am Gebot liegen; in ihnen kann durchaus das Verb "müssen" erscheinen, zum Beispiel in "Du musst essen!" Und doch handelt es sich noch immer um die unpräzise Mitteilung deskriptiver Aussagen, die an bekannte oder vermutete Ziele geknüpft sind. Das wirft am Ende sogar die Frage auf, welche präskriptiven Aussagen im Sinne der Philosophen mit der Abkehr von religiösen Dogmen überhaupt verbleiben, und ob nicht vielmehr alle scheinbar präskriptiven Aussagen der aufgeklärten Gesellschaft, eingeschlossen selbst die Gebote der Ethik, in Wahrheit Empfehlungen und somit deskriptiver Art sind.

06.12.2013

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