Fernpunkt

Vom Wert des Differenzierens

Kurz: Wenn sich verschiedene Phänomene unbemerkt den selben Namen teilen, agiert unser Denken am Rande des Versagens; es sprießen unsinnige Argumente und rätselhafte Pseudoprobleme. Einige Beispiele.

Es gibt Begriffe, die uns vorsichtig werden lassen, wenn sie im Rahmen einer Diskussion benutzt werden, weil sie bekanntermaßen mehrdeutig, wolkig oder subjektiv sind. Es kommt dann, falls die Diskussion ins Konfuse abdriftet, schnell die sinnvolle Idee auf, zunächst Grundlegendes zu klären. Was genau meinen wir, und meinen wir alle das Gleiche, wenn wir von "Gerechtigkeit", "Ehre" oder "Intelligenz" sprechen? Funktioniert die Argumentation des Teilnehmers überhaupt noch, wenn er sich auf eine Bedeutung festlegt, oder funktioniert sie nur deshalb, weil der gleiche Begriff in seinem ersten Satz etwas anderes bedeutet als in seinem zweiten? Solche Überlegungen können die Diskussion voranbringen, z.B. indem sie Scheinargumente aufdecken oder vermeintliche Widersprüche auflösen, oder indem sie deutlich machen, dass mit dem gewählten Begriff von vornherein keine allzu präzise Logik zu erwarten ist.

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Leider bilden diese offensichtlichen Fälle nur die Spitze des Eisbergs. Der Wortschatz steckt voller verborgener Mehrdeutigkeiten, auch elementare Kategorien unseres Sprechens und Denkens bleiben davon nicht verschont. Mancher Begriff erscheint so klar, wie ein Begriff nur erscheinen kann, und ist doch zweideutig. Selbst einfache Verben wie wissen, wollen und entscheiden, die weithin und auch in ernsthaften Diskussionen so benutzt werden, als seien sie unmissverständlich, haben mehr als eine Bedeutung - von allen dreien wird hier noch die Rede sein. Wir haben zu wenige Wörter für zu viele Erscheinungen, was an sich noch ein lösbares Problem wäre, aber es fehlt uns eben auch das Bewusstsein für diese Situation, weshalb wir immer wieder verschiedene Dinge gleichsetzen und verwechseln. Die Folge sind falsche und irreführende Argumente, Scheinwidersprüche und Scheinstandpunkte.

Ich möchte das an einer kleinen Auswahl von Beispielen verdeutlichen. Ich werde mich vom Einfachsten zum Schwierigsten dieser Beispiele vorarbeiten. Die zweite Hälfte wird dann schon in den Bereich der philosophischen Fragen vordringen - oder besser: der für philosophisch gehaltenen Fragen, denn in allen Beispielen verblassen die Eigenarten, wegen derer eine Frage philosophisch anmutet, ihre scheinbare Größe und Rätselhaftigkeit, durch das Differenzieren eines zentralen Begriffs.

Den Anfang macht ein aufdringlicher Fall, an dem sich vermutlich schon Viele gestört haben. Es gibt bei jedem Handeln, das auf ein Ziel ausgerichtet ist, zwei mögliche Ausgänge: das Ziel wird erreicht oder nicht. Die erste Variante nennt man Erfolg, die zweite Scheitern. "Erfolg" ist also schlicht eine allgemeine Bezeichnung für das Erreichen jedweden verfolgten Ziels, welches auch immer das ist. Wer zum Beispiel, vor allem anderen, viel freie Zeit zum Faulenzen haben will und dieses Ziel erreicht, dessen Bestreben hatte Erfolg. "Erfolg" ist nicht mehr als die Beschreibung einer abstrakten Situation ohne Wertesystem oder konkrete Zielvorgabe. Es besteht kein Zweifel, ob Erfolg angestrebt werden sollte, denn er ist quasi definiert als das Erreichen dessen, was angestrebt wird.

Diese Klarstellung hinterlässt aber eine häufige Verwendung des Begriffs "Erfolg", die ihr nicht entspricht. Es existiert eine zweite Bedeutung. Erfolg kann auch viel enger gemeint sein und nur das Erreichen ganz bestimmter Ziele meinen, die nicht vom Handelnden selbst gewählt, sondern durch seine Gesellschaft vorgegeben sind. In der Engsten aller Verwendungen meint dieser zweite Erfolgsbegriff gar nur noch eins: den Aufstieg in der Verwaltungshierarchie einer Organisation. Letztendlich geht es um soziale Anerkennung. Der Faulenzer hat Erfolg dieser zweiten Art nicht.

Es wäre ein Leichtes, die beiden Erfolgsbegriffe sauber zu trennen. Die Sprache hält dafür ausreichende Mittel bereit; es gibt Bestimmungswörter, Adjektive und Relativsätze. Nur wird das eben nicht getan, womit es zur Vermischung der Bedeutungen kommt. Der Haupteffekt dürfte den Apologeten der Bestrebungen, für welche die zweite Bedeutung von "Erfolg" steht, sehr gelegen kommen. Durch das Verschmelzen mit dem ersten Erfolgsbegriff und seiner Unbedingtheit verschwindet eine Frage, die sich andernfalls in Bezug auf Geltung und Karriere sofort stellen würde: Ist das wichtig?

Das zweite Beispiel ist das einzige, bei dem ich nicht sicher bin, ob die Verwechslung aus Sicht der Gemeinschaft nicht insgesamt mehr nützt als schadet. Es geht um das Wörtchen "innovativ". Dem Wortsinn nach ist jedes Projekt innovativ, das einfach neuartig ist. Andererseits werden als "innovativ", besonders rückblickend, gern relevante Beiträge zum Fortschritt der Menschheit bezeichnet. Das ist etwas völlig Anderes, denn Dinge auf eine neue Weise zu tun, bedeutet nicht unbedingt, sie auf eine bessere Weise zu tun. Der Unterschied der beiden Bedeutungen von "innovativ" ist der zwischen der versuchten und der gelungenen Verbesserung. War der Erfinder der Handbügelwalze (die sich gegen das Bügeleisen nicht durchsetzen konnte und heute längst wieder vergessen ist) innovativ oder nicht? In der einen Bedeutung war er es, in der anderen nicht. Wer beide Bedeutungen gleichsetzt, für den ist alles Neue zwangsläufig ein Fortschritt. Er wird euphorisch den jodelnden Toaster konstruieren und glauben, die Zukunft der Menschheit mitzugestalten. Er wird nur zwei Möglichkeiten erwarten, nämlich entweder erfolgreich oder - als tragischer Held - seiner Zeit weit voraus zu sein. Was für den "Innovativen" aus dem Blick verschwindet, ist der dritte und bei Weitem wahrscheinlichste Ausgang eines neuartigen Versuchs: das schnöde Scheitern, weil die verfolgten Konzepte in der Summe aller Faktoren unterlegen sind gegenüber konkurrierenden Konzepten.

Beispiel Nummer drei ist der Name einer Verhaltensweise, genauer: der gemeinsame Name dreier verschiedener Verhaltensweisen, die deshalb üblicherweise als ein und dieselbe begriffen werden. In dieser undifferenzierten Einheit gelten sie als große Untugend, für nicht Wenige gar als die Wurzel allen Übels. Die Rede ist von der Gier.

Das Erste der Phänomene namens Gier könnte man vielleicht die "natürliche Gier" nennen, denn diese Gier ist keine Schöpfung des Menschen, sondern eine elementare Eigenschaft allen Lebens. Sie besteht in der Strategie, mit möglichst geringem Aufwand einen möglichst großen Nutzen zu erreichen. Die Aufwand-Nutzen-Optimierung hat tatsächlich unangenehme Aspekte, besonders wenn Wirtschaft betrieben wird, denn bei einem Geschäft ist der Aufwand (Kosten) des einen der Nutzen (Erlös) des anderen, d.h. der eine minimiert genau das, was der andere zu maximieren versucht. So hat jeder unter der Gier der jeweils anderen zu leiden. Die potenziellen Käufer eines Produkts optimieren Aufwand und Nutzen, was die potenziellen Verkäufer in einen Wettbewerb miteinander treibt, der für sie lästig ist, ihre Aufwände anwachsen lässt, ihre Einnahmen schmälert und vielleicht sogar ihre Existenz bedroht. Das gilt nicht zuletzt auch für das Produkt Arbeitskraft. Jeder ist Käufer und Verkäufer, jeder ist "Täter" und "Opfer". Daneben kann individuelle Aufwand-Nutzen-Optimierung auch diverse Arten von Fehlverhalten motivieren, von Diebstahl und Betrug bis hin zu Umweltvergehen, weshalb die Gemeinschaft Regeln und Gesetze braucht.

Für die Aufwand-Nutzen-Gier gilt das, was oft über "die Gier" als diffuse Einheit gesagt wird: Sie ist eine Voraussetzung für die Funktion einer freien, dezentral gesteuerten Wirtschaft. Würden die Menschen beim Kauf eines Autos nicht den besten Kompromiss aus Kosten und Nutzen suchen, sondern einfach irgendein Auto zu irgendeinem Preis kaufen, dann wären die Autos sehr schlecht und sehr teuer, und es käme auch keine Weiterentwicklung zu Stande. Letztendlich ist es aber relativ bedeutungslos, welche Vor- und Nachteile diese Art von Gier hat, denn es gibt nicht die Option, sie nicht zu praktizieren. Man mag ihr unter bestimmten Umständen Einhalt gebieten müssen, aber allgemein ist sie nicht nur unvermeidlich, sondern auch überhaupt kein Laster. Aufwand-Nutzen-Optimierung ist nichts anderes als individuelle Vernunft.

Die Aufwand-Nutzen-Gier enthält keinerlei Ziele und ist auf alle Ziele gleichermaßen anwendbar. Jeder handelt aufwand-nutzen-gierig: der Unternehmer, der Wissenschaftler, der Entwicklungshelfer und selbst der Playboy, der alles verjubelt und ständig pleite ist. Dagegen ist die zweite Art von Gier eine Grundeinstellung mit einem sehr konkreten Ziel, nämlich dem größtmöglichen Besitz: die Habgier. Sie hat mit Aufwand-Nutzen-Gier nicht mehr zu tun als irgendein anderes Bestreben. Auch ist sie nicht ungewöhnlich schädlich. Natürlich kann Habgier zu unmoralischen Handlungen motivieren, aber es gibt keine solche Handlung, die nicht aufwand-nutzen-gierig mit einer anderen Zielstellung als maximalem Besitz ebenso begangen werden könnte.

Betrachtet man nun die Fälle, in denen abstrakt über Gier und ihre Folgen geklagt wird, und versucht zu ergründen, ob damit nun Aufwand-Nutzen-Gier oder Habgier gemeint ist, dann erkennt man häufig, dass die Argumentation weder exakt das eine noch exakt das andere meint. Statt dessen fügt sie der Aufwand-Nutzen-Gier noch etwas hinzu, nämlich eine Dummheit, die am Ende auch zum eigenen Schaden führt, z.B. das mangelnde Berücksichtigen von Risiken oder das einseitige Fokussieren auf kurzfristige Vorteile. Es ist die blinde Gier. Somit gibt es erstens die Strategie namens Gier, zweitens das Bestreben namens Gier und drittens den Fehler namens Gier, den man bei der Strategie namens Gier begehen kann oder nicht. Die erste Gier ist unvermeidlich und unverzichtbar, die zweite ist eine nicht für jeden nachvollziehbare Marotte, die dritte richtet großen Schaden an. Wer alle drei gleichsetzt, kommt schnell zu den phantastischsten Thesen.

Mit dem nächsten Beispiel beginnen die abstrakteren Fälle, in denen aus der Mehrdeutigkeit geradezu philosophische Probleme entstehen. Das erste dieser Beispiele ist das "Wissen". Unter Wissen versteht der Mensch intuitiv etwas Gesichertes. Die Veranlassung, zwischen Wissen und Vermutung zu trennen, scheint gerade die zu sein, dass das eine sicher ist und das andere eben nicht. Nun ist aber seit der Abkehr von der Scholastik des Mittelalters und den Einsichten, die zur modernen Wissenschaft geführt haben, bekannt, dass diese Intuition trügt. Es gibt keine Grundlage, auf der sicheres Wissen geschlussfolgert werden könnte. Sicher sind allein logische Tautologien; jenseits davon gibt es nur Vermutungen, die bestenfalls durch die Beobachtung nicht widerlegt sind. Selbst unsere tiefsten wissenschaftlichen Überzeugungen sind nicht endgültig - bei ausnahmslos jeder von ihnen besteht die theoretische Möglichkeit, dass sie eines Tages als falsch oder unpräzise erkannt, fallen gelassen und durch etwas Anderes ersetzt wird.

Es gibt deshalb einerseits den naiven Wissensbegriff, der Wissen als absolut sicher fordert - und mit dem außer Tautologien kein Wissen existiert. Andererseits gibt es den pragmatischen Wissensbegriff, der das "Wissen" nennt, was wir im Alltag vereinfachend als gesichert annehmen, und sich dazu mit dem Maß an Sicherheit zufrieden gibt, das eben möglich ist, und der insbesondere zulässt, dass einzelne Bestandteile dieses Wissens auch wieder daraus entfallen. Da es für beide Bedeutungen nur ein Wort gibt, ist der Unterschied vielfach nicht bewusst, weshalb keine klare Festlegung auf eine der Bedeutungen erfolgt. Das mündet in Verwirrung, denn alles Wissen nach der zweiten Bedeutung des Begriffs ist nach der ersten keins. So plustert sich die banale Frage, für welchen der beiden Wissensbegriffe man sich entscheiden möchte, zur pseudophilosophischen Frage auf, ob man etwas weiß oder nicht.

Selbst wenn der Einzelne die Entscheidung für sich unterbewusst getroffen und so zu einer klaren Meinung gefunden hat, kann es immer noch zu Missverständnissen kommen, nämlich im Gespräch mit einem anderen, der sich gerade für das andere Verständnis von Wissen entschieden hat. Ein klassisches Beispiel ist die Frage, ob ein Atheist weiß, dass kein Gott existiert. Mit dem naiven Wissensbegriff muss er sagen: Nein, ich weiß das nicht. (...und wenn ich es recht bedenke, weiß ich auch sonst nichts.) Mit dem pragmatischen Wissensbegriff kann er mit exakt der gleichen Haltung gegenüber Göttern etwas formulieren, das sich wie das genaue Gegenteil anhört: Ich weiß, dass es keine Götter gibt. (...was bedeutet, dass ich das für eine geeignete Vermutung halte, von deren Richtigkeit ich bei meinen Entscheidungen vorläufig ausgehe. Die Vermutung ist nicht besser und nicht schlechter als die anderen Vermutungen, die ich "Wissen" nenne, z.B. das Wissen, dass es keine Geister gibt.)

Ein weiteres Verb, das gleichzeitig elementar und missverständlich ist, findet sich im "Wollen". Zum einen können damit unmittelbare Wünsche ausgedrückt werden, z.B. in "Ich will mich wohl fühlen". Zum anderen können auch Entscheidungen auf diese Art formuliert werden, etwa "Ich will lernen, Auto zu fahren". Der Unterschied zwischen dem einen und dem anderen Wollen ist größer und bedeutender, als es im ersten Moment erscheinen mag. Es ist eine ganz alltägliche Situation, dass Wünsche und Entscheidungen nicht überein stimmen. Das liegt nicht daran, dass wir dumm sind, sondern dass unsere Wünsche einander widersprechen und wir mit der Entscheidung den besten Kompromiss suchen. Wenn uns morgens der Wecker aus dem Schlaf reißt und wir uns entscheiden, aufzustehen und zur Arbeit zu gehen, dann steht dahinter oft nicht der unmittelbare Wunsch, das zu tun. Statt dessen dient die Entscheidung anderen, langfristigen Wünschen, vielleicht einem erfüllten Leben und gesellschaftlicher Anerkennung. Gleichzeitig wird der tatsächlich vorhandene Wunsch weiter zu schlafen einfach ignoriert.

Im Gegensatz zum Wunsch ist die Entscheidung das Ergebnis eines Denkvorgangs, der zwar auf Wünschen beruht, daneben aber auch diverse Informationen berücksichtigt, z.B. Naturgesetze, gesellschaftliche Normen und eben die Konflikte zwischen den verschiedenen Wünschen sowie ihre jeweilige Priorität. Die beiden Arten des Wollens unterscheiden sich fundamental, und sie sind beide bei jedem Menschen vorhanden. Es gibt nicht den Fall des disziplinierten Vernunftmenschen, der Entscheidungen trifft, ohne sich auf irrationale Wünsche zu stützen, denn das ist nicht möglich. Die Tatsachen enthalten keine Ziele und keine Werte, und keine Logik kann solche aus dem Nichts schlussfolgern. Die normative Komponente, die jede Entscheidung voraussetzt, kann nur aus Wünschen stammen. Um Entscheidungen hervor zu bringen, muss sich das Denken auf Vorgaben stützen, die ihrerseits nicht das Ergebnis einer Entscheidung sind, sondern instinktiv oder willkürlich. Nennt man diese Vorgaben (und nichts anderes) Wünsche, dann lässt sich formulieren: Man kann nicht entscheiden, was man wünscht.

Mit dem Gleichsetzen beider Arten von Wollen ist es kaum noch möglich, zu diesem Sachkomplex einen klaren Gedanken zu fassen. Nicht entscheiden zu können, was man wünscht, heißt damit: Man kann nicht "wollen", was man "will". Darin enthalten ist dann auch gleich, nicht entscheiden zu können, was man entscheidet, und plötzlich ist alles bedeutungslos: die Erkenntnis, das Denken, Normen und Gesetze.

Das Letzte meiner Beispiele fällt etwas aus dem Rahmen, weil der potenzielle Fehler hier nicht darin liegt, einfach verschiedene Erscheinungen zu verwechseln, sondern zwischen zwei Ausprägungen einer Erscheinung, die offensichtlich verschieden sind, eine dritte zu übersehen. Aber auch das ist natürlich ein Problem unzureichenden Differenzierens.

Eine Kartoffelsortiermaschine wählt anhand der Größe für jede Kartoffel einen Behälter und legt sie dort ab. Sie tut das rein mechanisch. Ihre Beschäftigung mit den Kartoffeln ist durch die Gesetze der Physik, aus denen sie nicht ausbrechen kann, vollständig bestimmt. Wenn die Maschine ihre Aufgabe schlecht erfüllt, dann wäre es völlig sinnlos, sie zu bestrafen, vielleicht auszupeitschen. Die einzige denkbare Abhilfe wäre in diesem Fall, den Mechanismus zu korrigieren. Die Maschine "wählt" oder "entscheidet" auf eine erste Art, die keinerlei eigene Verantwortung mit sich bringt.

Das ändert sich, wenn die Kartoffelsortiermaschine komplexer konstruiert ist und dadurch bestimmte Eigenschaften hat (unabhängig davon, ob eine solche Konstruktion zweckmäßig ist). Sie könnte über verschiedene Sensoren und Effektoren verfügen, die ihr vielfältige Handlungsmöglichkeiten erlauben. Außerdem könnte sie mit einer aufwändigen Informationsverarbeitung ausgestattet sein, die eine möglichst gute und schnelle Sortierung der Kartoffeln gezielt anstrebt. Das könnte bis dahin reichen, dass bei dieser Optimierung auch Regeln berücksichtigt werden, über welche die Maschine informiert wurde. Eine solche Regel könnte etwa sein, dass die Maschine bestraft wird, wenn sie zu viel Energie verbraucht - nicht durch Auspeitschen, sondern durch etwas, das den vorgegebenen Optimierungszielen entgegen steht, z.B. eine Pause. Die Kenntnis dieser Regel flösse in die Informationsverarbeitung ein und würde das gewünschte Verhalten, in diesem Fall Sparsamkeit, begünstigen. Nicht anders funktionieren Strafen in der menschlichen Gesellschaft. Die Algorithmen könnten sogar noch ausgefuchster sein und die Mitteilung einer Regel nicht einfach glauben, sondern bei Entscheidungen nur die Regeln berücksichtigen, deren Anwendung die Maschine aus ihrer Beobachtung bestätigen kann. Nur eine tatsächlich praktizierte Strafe hätte dann den vorteilhaften Effekt.

Interessant ist nun, dass diese Maschine trotz aller Komplexität nach wie vor nur ein besserer Mechanismus ist und unausweichlich den Naturgesetzen folgt. Sie betreibt eine zweite Art des Wählens, die wie die erste determiniert ist, mit der sie aber, im Gegensatz dazu, für ihr Verhalten verantwortlich ist. Der Unterschied liegt im sensorischen und motorischen Potenzial sowie in der Leistungsfähigkeit der Informationsverarbeitung.

Was diesen folgenschweren Unterschied völlig überstrahlt, ist der Kontrast zu einer dritten, hypothetischen Art des Wählens. Es gibt die Vorstellung, Entscheidungen könnten nicht durch die Wirkung von Naturgesetzen zustande kommen, sondern würden von Wesen getroffen, die sich über selbige erheben. Es ist unklar, ob so etwas überhaupt möglich ist und nicht ein reines Hirngespinst. Werden aber nur die extremen Arten des Wählens wahrgenommen, nämlich diese und die primitive erste, dann ist das vermutliche Hirngespinst des nicht determinierten Wählens - auch bezeichnet als "Freier Wille" - die einzige Möglichkeit, Verantwortung und Strafe zu rechtfertigen. Erst mit dem Erkennen der "mittleren" Art des Wählens ist klar, dass diese Notwendigkeit und so auch das mit ihr verbundene Problem nicht besteht.

12.08.2014

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